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Wenn gesunde Ernährung krank macht

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Triggerwarnung: In diesem Text geht es um essgestörtes Verhalten. Solltest du an einer Essstörung leiden, findest du hier weitere Infos und Hilfsangebote. ( Essstörungen Startseite | BZgA Essstörungen (bzga-essstoerungen.de)

Kein Gluten, keine Milchprodukte, keine Hülsenfrüchte. Eine Ernährungsumstellung soll die Lösung für Selmas* Magen-Darm-Probleme sein. Doch der Wunsch gesünder zu essen, entwickelt sich schnell zu einem Zwang.

Wir alle wollen uns gesund ernähren. Wer Acai Bowls isst, Detox-Kuren mitmacht und Smoothies schlürft, wird gelobt für einen “gesunden Lifestyle”. Doch der Wunsch gesund zu essen, kann schnell zwanghaft werden: Orthorexia nervosa ist noch keine anerkannte Essstörung, sondern gilt als Zwangsstörung. Orthorektiker*innen weisen ein sehr strenges Essverhalten auf und setzen sich konstant mit “gesunder Ernährung” auseinander. Was gesund ist und was nicht, entscheiden die Betroffenen dabei selbst.

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen 20% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen 11 und 17 Jahren Symptome von Essstörungen. Selma ist mittlerweile 22, aber leidet seit acht Jahren unter einer Essstörung. 

Frühstück: Selbstgemachtes Granola mit Erdbeer-Rhabarber-Kompott und Kokosjoghurt
Frühstück: Selbstgemachtes Granola mit Erdbeer-Rhabarber-Kompott und Kokosjoghurt

Antidepressiva gegen Bauchschmerzen?

Seit ihrer Jugend hat Selma mit schlimmen Bauchschmerzen und Verdauungsproblem zu kämpfen. Nach Magenspiegelung, Darmspiegelung, Stuhlprobe, Laktose-/Fructose-Test diagnostiziert ihr Gastroenterologie schließlich Reizdarm. Lefax, Kijimea, Iberogast und andere Medikamente schlagen bei ihr nicht an. Ihr Arzt will ihr Anti-Depressiva verschreiben, da Reizdarm auch psychosomatische Ursachen zugrunde liegen können.

“Ich wollte keine Antidepressiva nehmen. Aber nur weil ich Angst hatte, dadurch zuzunehmen”, erzählt Selma. Stattdessen wechselt sie zu einer homöopathischen Allgemeinmedizinerin. Sie muss ihre Ernährung umstellen, darf kein Gluten mehr essen, keine Milchprodukte, keine Eier, keinen Mais und keine Kichererbsen. “Das Blöde war nur, dass die meisten glutenfreien Produkte aus Maismehl oder Maisstärke hergestellt sind. Trotzdem habe ich mich ab sofort strikt vegan, glutenfrei und größtenteils zuckerfrei ernährt”. Nach einer Woche verliert Selma vier Kilo, nach einem Monat neun Kilo. Aber die Bauchschmerzen bleiben. Auch Freunde zu treffen, setzt die heute 22-Jährige unter Stress: “Wenn ich in einem Café oder Restaurant verabredet war, habe ich online schon vorher die Speisekarte studiert oder notfalls meine eigenen Tupperboxen  mitgenommen. Im Restaurant war ich immer diese anstrengende Person, die ein Gericht bestellt, aber dann tausend Extrawünsche hatte. Weil ich nicht immer vorher planen wollte, ob und was ich essen kann oder ob ich mir selber was vorkochen und mitnehmen muss, habe ich manchmal sogar einfach Treffen mit Freund*innen abgesagt“.

“Gesund zu essen, bestimmt mein Leben”

“Mein Kopf unterteilt in gut und schlecht, gesund und ungesund. Dazwischen gibt es nichts.” Als die Beschwerden nicht besser werden, will Selma keine Tomaten mehr essen, da die zu säurehaltig sind. Auch Kohlgemüse und Hülsenfrüchte fallen weg, da diese blähen. Paprika ist schwer zu verdauen. Äpfel und Datteln haben zu viel Fruktose. Die Liste der “verbotenen Lebensmittel” wird immer länger. “Ich habe nie Kalorien gezählt, aber immer überlegt, was ich wann, wo essen darf”, erzählt Selma. Zu dem Zeitpunkt war ihr noch nicht klar, dass diese übermäßige Beschäftigung mit Lebensmitteln krankhaft ist. Menschen,  die unter Orthorexie leiden, sind zwanghaft darauf fixiert, ausschließlich gesunde Nahrungsmittel zu verzehren. Die selbst auferlegten Regeln haben nicht nur ganze Lebensmittelgruppen rausgestrichen, sondern auch vorgegeben, wann Selma essen darf: “Frühstück habe ich am besten erst nach 12h gegessen und abends nichts mehr nach 18h, weil ich zusätzlich noch Intervall-gefastet habe.”

Abendessen Udon-Nudeln mit Gemüse, Sesam und Tofu
Abendessen: Udon-Nudeln mit Gemüse, Sesam und Tofu

“Mealprep war mein zweiter Vorname”

Später kamen noch Binge-Eating und Bulimie dazu. In Selmas Umfeld hat jedoch nie jemand bemerkt, dass sie eine Essstörung hat. Nach ihrem anfänglichen Gewichtsverlust hat sich ihr Körper relativ schnell wieder eingependelt. “Wenn meine Freund*innen oder Klassenkamerad*innen gesehen haben, wie gesund ich esse, wurde das von allen Seiten nur gelobt, manchmal sogar geradezu beneidet.” Selbst als Selma anfängt zu studieren, ist sie schnell unter ihren Kommiliton*innen, als diejenige bekannt, die immer das leckerste Frühstück und die besten Snacks dabei hat. “Tatsächlich war mein Essverhalten alles andere als gesund, sondern geprägt von Schuldgefühlen, Scham und schlechtem Gewissen”. Oft wollen sich Betroffene die Essstörung nicht eingestehen und lernen sich selbst und andere so gut zu täuschen, dass es lange nicht bemerkt wird.  “Man sagt Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, aber ich weiß, ich habe noch einen langen Weg vor mir, bis ich wieder “normal” essen kann”, meint Selma, “wenn ich meinem früheren Ich einen Tipp geben könnte, dann würde ich ihr raten, sich jemandem anzuvertrauen und Hilfe zu suchen”.

Betroffene finden hier weitere Informationen und Hilfsangebote zu Essstörungen: Essstörungen Startseite | BZgA Essstörungen (bzga-essstoerungen.de)

*Name von der Redaktion geändert

Fotos von Shafia Khawaja @shafia_kha13

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