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Tote Katze im Aquarium

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Dieses Interview ist ein Ausschnitt aus dem Bock Magazin, das am 18. Juli 2021 erstmals erscheint. Dahinter steht das »Junge Kunst« Kollektiv, das 2019 bei der »Pointlessness Ausstellung« in Graz in den Reininghausgründen erstmalig auftrat. Es ist ein offenes, buntes Kollektiv, aus Fotograf*innen, Maler*innen, Grafiker*innen und Texter*innen und steht für lebendige Kunst, Humor und Subkultur.

Ein besonders aufsehenerregendes Werk der ersten Ausstellung war die tote Katze in einem Aquarium von Catrin Manoli. Zu diesem Thema führt Miro Schober, Herausgeber des Magazins mit ihr ein Interview:

In der Serie »How I Met Your Mother« singt Marshall Eriksen, begleitet von Klavier und Sitcom-Lachplatten wie folgt: »Die Katz‘ ist tot, die Katz‘ ist tot, es war ein Missgeschick und mich trifft nicht die volle Schuld.«  Nicht die volle Schuld trifft auch Catrin Manoli, wenn Menschen entsetzt oder angeekelt vor ihren Werken stehen bleiben. Denn nicht nur trägt sie keine Verantwortung für das Ableben der ausgestellten Tiere, sondern liegt der eigentliche Grund für solche Reaktionen viel tiefer. In der Seele unserer Kultur, unseres Konsumverhaltens und unseres Umgangs mit dem Tod.

Catrin, oder Cooky, wie man sie beim Spitznamen nennt, erklärt uns die Hintergründe ihrer Arbeit, ihre Gedanken zum Thema Tod, was zur Hölle es mit der Katze im Aquarium auf sich hat, und warum zum Fick sie aufgrund eines Interviews gefeuert wurde. Aber von Anfang an:

© Leona Leitgeb

Cooky, lass uns gleich einsteigen: Für unsere Leser*innen, die dich nicht kennen: Was machst du beruflich? Was machst du künstlerisch? 

Ich studiere derzeit an der Kunstuniversität Linz und arbeite zusätzlich im Forum Stadtpark in Graz. An der Uni arbeite ich hauptsächlich mit Tierpräparationen, also mit der Technik der Haltbarmachung von Tierkörpern.

Wenn man »Tierpräparator« hört, (vor allem ungegendert) denkt man ja vielleicht an einen alten verrückten Mann oder einen Jäger, aber nicht an eine junge Frau, wie kommt es dazu?

Bei meiner Diplomarbeit habe ich angefangen mit Knochen zu arbeiten. Dann habe ich mich eben eine Schicht weiter nach außen gewagt und mit Präparation begonnen.

Und warum ausgerechnet Präparation?

Ich komme aus einer MedizinerInnen Familie und da haben wir dann schon auch das ein oder andere Mal am Esstisch eine Operation nachgestellt, wenn mein Bruder für das Medizinstudium Sezieren geübt hat. Ich war schon in frühen Jahren fasziniert von der Vorstellung, in das Innere eines Menschen blicken zu können. Und von den Formen der Anatomie: Kein Künstler der Welt könnte je eine so makellos schöne Linie ziehen, wie Gott. Und obwohl wir wirklich weit sind in der Medizin und alles beobachten können, können wir den Kern, das Leben in unseren Körpern noch immer nicht voll begreifen.

Findest du, dass der Umgang und die Beschäftigung mit dem Tod in unserer Gesellschaft fehlt?

Auf jeden Fall. Das sieht man auch am Fleischkonsum. Die meisten Menschen, die ihren Schinken auf Hawaii Toast essen, wissen ja auch gar nicht, wie das Schwein gehalten wird. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den ich mit meiner Kunst sehr hautnah erfahre: Ich weiß was Fleisch ist. Wenn ich ein Tier präpariere, kann ich es danach nicht essen. Ich baue dabei eine Bindung zum Tier auf. Und ich liebe Tiere. Ich finde, wenn jemand Fleisch konsumiert, dann sollte er oder sie sich auch damit beschäftigen können und es am besten selbst töten.

Isst du Fleisch?

Nicht oft. Ich bin koptisch orthodox und da isst man ein drittel

des Jahres vegan. Das halte ich wegen des Glaubens gerne ein, aber auch, weil ich mich generell gerne vegetarisch ernähre. Bei Elternbesuch mache ich manchmal eine Ausnahme. Aber im Prinzip: Käse über alles.

Du hast ja tatsächlich Wurzeln in Ägypten. Da ist ja das Erste, woran man denkt: Diese uralte Kultur rund um Tod, Konservierung und Tierdarstellungen. Beschäftigst du dich damit oder liegt dir das vielleicht sogar im Blut?

Ich habe tatsächlich schon als Kind lieber mit Tieren geredet als mit Menschen. Leider habe ich ein besseres Händchen fürs Konservieren als dafür, meine Liebsten am Leben zu halten. Aber mich fasziniert auch das Mystische. Ich trage ein ägyptisches Ankh Kreuz und habe es auch tätowiert. Diese Kultur sowie diese Mystik gehören einfach zu mir. Zurzeit beschäftige ich mich auch wieder mehr mit Mantik, also ohne mich da vollkommen reinfallen zu lassen, ich glaube, man sollte vorsichtig mit Traumwelten umgehen und irgendwo noch am Boden bleiben können. Aber es ist ein Teil von mir. Über ägyptische Götter habe ich mit meiner Familie oder Ägypter*innen nie wirklich viel geredet, das sind ja die »falschen Götter«. Da ist man eben ganz streng koptisch orthodox. Früher war Ägypten christlich, bis dann die Osmanen eingewandert sind und Christen verfolgt wurden. Die einzigen, die eigentlich christlich bleiben durften, waren sehr reiche Familien, die dafür zahlen mussten. Da kann man sagen, dass diese Familien vermutlich einen pharaonischen Hintergrund hatten. Also koptisch orthodox bedeutet altägyptisch. Die Kopten mussten ein schweres Eisenkreuz tragen. Das Kreuz war so schwer, dass man einen blauen Fleck im Nacken bekam und man man sie deshalb »Blaupunkt« nannte. Heutzutage wird das koptische Kreuz Kindern im frühen Alter tätowiert, was natürlich sehr fragwürdig ist. Inzwischen ist es auch nicht mehr gang und gäbe, aber ich hab es noch 2002 mit fünf Jahren gestochen bekommen.

Kommen wir zur Katze im Aquarium: Die war ja der Schocker der Pointlessness Ausstellung. Wie war dieser Einstieg in die Kunstwelt für dich?

Ich habe an der Ortweinschule die Meisterklasse für Malerei absolviert und mich mit Anatomie und mit  der Bearbeitung von Knochen beschäftigt. Eigentlich war die Pointlessness Ausstellung das erste Mal, dass ich das Handwerk der Präparation als Kunst präsentiert habe. Die Katze und die anderen Tiere in Ikea Regalen auszustellen fand ich direkt eine gute Idee, als wir das Konzept ausgearbeitet haben. Man stellt den Tod neben das Alltägliche, quasi ins Wohnzimmer. Da steckt natürlich die Idee dahinter, die Vergänglichkeit nahe ans Leben zu holen. Das hat schon Aufsehen erregt. Und nach der Ausstellung hat sich das auch herumgesprochen – wie ein Lauffeuer. Da haben mich plötzlich Leute gefragt, ob ich nicht die Cooky bin, »Du bist doch die mit der Katze im Aquarium, das geht grad durch ganz Graz!«.

Gab es auch negative Kritik?

Natürlich. Aber ich kann das auch voll verstehen. Es ist ein sehr sensibles Thema. Und wenn Menschen nicht mit mir reden, dann kann es natürlich sein, dass die denken, ich wäre psycho oder so.

Es gab ja auch diesen Fall in Graz, in dem jemand Katzen gehäutet hat. Schrecklicher Mensch. Ich hoffe ihm gehts inzwischen psychisch besser. Aber da habe ich echt Angst gehabt, dass da ein Schatten auf mich zurückfällt. 

Deine Katze war ja eine bereits tote, überfahrene Katze, die ein Professor von dir gefunden hat?

Genau. Er hat mich angerufen und ich: Direkt hin; Plastiksackerl, Kübel und dann bin ich damit Bim gefahren. Zum Glück hat sie noch nicht so viel gerochen, nachdem sie erst fünf bis sieben Stunden tot war.

Hat es dich gewundert, dass man mit Tierpräparation so viel Aufmerksamkeit erzeugen kann?

Absolut. Für mich war es immer das Selbstverständlichste der Welt, auf diese Weise zu arbeiten und mich mit Anatomie, Präparaten und Konservierungen zu beschäftigen. Dass es andere Leute verstört kann ich nachvollziehen, aber ich hatte nicht gedacht, dass es auf diese Weise explodiert. 

Du wurdest im Anschluss an die Ausstellung gleich von mehreren Zeitungen für Interviews angefragt und bist aufgrund eines dieser Interviews sogar gefeuert worden. Was ist da passiert?

Zuerst hatte ich ein Interview mit dem Magazin »ZEIT Campus«, darüber ist die Kleine Zeitung auf mich aufmerksam geworden, und im nächsten Interview habe ich erwähnt, dass ich anfangen werde, in Wien als Tierpräparatorin zu arbeiten, was ich nicht mit meinem zukünftigen Arbeitgeber abgesprochen hatte. Dann hat er mich einfach gefeuert, was sehr schade ist, weil es nicht viele Arbeitsplätze in diesem Bereich gibt. Ich bin dann in ein ganz tiefes Loch gefallen, weil ich drei Jahre darauf hingearbeitet habe. Im Nachhinein betrachtet war es aber das Beste, was mir je passiert ist. Der Typ wollte, dass ich ihm meine Seele verkaufe. Stattdessen habe ich mich dann eben an der Kunstuni Linz beworben und wurde dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt bin ich mega glücklich und kann weiter mit Tierpräparation arbeiten.

Was machst du jetzt künstlerisch mit dem neuen universitären Kontext?

Wir hatten über die Uni kürzlich eine Ausstellung in China und ich habe mit Knochen ein Stop-Motion-Video gedreht, das sich auf die chinesische Tradition des Knochenlesens bezieht. Dabei liest man aus den Rissen die Zukunft ab. 

Und was haben die Risse prophezeit, auf welche Manoli-Werke dürfen wir uns freuen? Was hast du vor?

Ich will mich in erster Linie weiterbilden und natürlich in Werkzeug und Arbeitsmaterial investieren. Am liebsten würde ich ein Tier vollständig verarbeiten. Also alles verwenden was es hergibt und dann beispielsweise als interaktive Soundinstallation erweitern.

Wo ist die Katze jetzt?

Sie ist inzwischen gehäutet, in einem großen Einmachglas und befindet sich in der Stahlhalle*. Ich muss zugeben, ich weiß es nicht mehr so genau. Ich suche sie auch schon länger. Wir wollten sie mal fotografieren, das ist aber nichts geworden. Und dann habe ich sie aus den Augen verloren. Es gibt ja bis heute kein Foto von der Katze und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist die Katze im Aquarium so ein mystisches Objekt geworden. 

Kannst du zum Schluss nochmal die Geschichte mit der Katzenhaut raushauen, die du mir vor dem Interview erzählt hast?

Das war unglaublich. Ich habe in den Reininghausgründen – eh schon vor Ewigkeiten – mal Zeug liegen lassen und da war eben diese getrocknete Katzenhaut dabei, die ich dort gelagert habe. Irgendwann bin ich bei einem Typen, den ich in Wien kennengelernt habe zu Besuch, mach dort einen Schrank auf und was ist da? Die Katzenhaut. Der hat sie einfach bei einem Rave gefunden und sich gedacht, dass er dieses Kunstwerk unbedingt retten muss und sie mit nach Wien genommen. Und dann lerne ich den zufällig kennen. Diese toten Katzen verfolgen mich einfach.

Cooky, es war mir ein Fest. Danke für das Interview.

Junge Kunst macht Bock, Catrina Manoli

Text: Miro Schober

Fotos: Leona Leitgeb

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