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Was hat Porno mit echtem Sex zu tun?

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In diesem Guide werden dir die wichtigsten Unterschiede zwischen Pornos und Sex im echten Leben gezeigt. Wir möchten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Pornografie keine Anleitung für guten Sex ist.

Einer Studie der Middlesex University London (2017) zufolge, hatten bereits achtundzwanzig Prozent der Elf- bis Zwölfjährigen Kontakt mit Pornografie, unter den Fünfzehn- bis Sechzehnjährigen sind es fünfundsechzig Prozent. Da das Durchschnittsalter für den ersten Sex bei sechzehn Jahren liegt, kann davon ausgegangen werden, dass ein großer Teil der Jugendlichen bereits mit Pornos konfrontiert wurde, bevor sie ihr erstes Mal haben. Pornografe ist sexuell erregendes Material von Erwachsenen für Erwachsene. Das kann ein Film, Video oder Foto, ein Text oder auch eine Audioaufnahme sein. In Österreich sind Pornos ab achtzehn Jahren erlaubt. Pornos werden insbesondere von Jugendlichen oft zur Aufklärung und zum „Erlernen“ von Sex verwendet, da wir zu wenig Menschen in unserem Umfeld haben, die mit uns ausführlich über Sex sprechen. Vielleicht, weil es ihnen unangenehm ist oder sie selbst nicht gelernt haben darüber zu sprechen.

Sexualität wird in Pornos jedoch vereinfacht und stark übertrieben dargestellt. Pornovideos, die man gratis im Internet findet, sind meistens nicht länger als zehn Minuten. Sie sind also Kurzfilme ohne Kontext, die offen lassen was davor und danach passiert. Wir sehen keine echten Begegnungen und kein Kennenlernen, bevor es zum Sex kommt. Kommunikation und gegenseitige Einvernehmlichkeit werden, wie auch Verhütung vor sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften, nicht thematisiert. In der oben genannten Studie kam auch heraus, dass dreiundfünfzig Prozent der befragten Burschen und neununddreißig Prozent der Mädchen Pornos als realistisch empfinden. Durch das Übertragen von pornografischen Handlungen in unser Sexleben wird der Sex, den wir mit unterschiedlichen Partner*innen haben, vereinheitlicht. Es spielen sich immer wieder die gleichen Muster ab, wiederholen sich und verfestigen umso mehr das Bild davon, wie Sex ablaufen muss.

Das betrifft auch die Sprache, die uns im Kontext von Pornografe begegnet. Pornotitel und Kategorien, in die Videos eingeteilt sind, bedienen sich häufig respektloser und gewaltvoller Begriffe, vor allem gegenüber Frauen. Darsteller*innen werden reduziert. Sex wird in der Pornografie sehr eindimensional dargestellt und meist durch das Eindringen des Penis in die Vagina definiert. Alles was davor passiert, ist „nur“ das Vorspiel. Da die Hauptzielgruppe des pornografischen Materials heterosexuell und männlich ist, wird meist aus der Perspektive des penetrierenden Mannes gefilmt. Dadurch bekommt man den Eindruck, dass die Zufriedenheit und der Orgasmus des Mannes dem der Frau überlegen ist.

Nicht nur die eingenommene Perspektive in Pornos ist sehr einheitlich, auch die Körperformen zeigen wenig Vielfalt. Im Mainstreamporno sind Männer wie auch Frauen meist zur Gänze rasiert, wodurch das Bild vermittelt wird, dass auch in der Realität alle Körper glatt sein müssen. Penisse haben meist eine überdurchschnittliche Größe – der durchschnittliche Penis misst im erigierten Zustand zwölf bis fünfzehn Zentimeter – und Vulven ähneln schon fast den Genitalien einer Barbie, da die Vulvalippen häufig auch operativ verkleinert wurden. Kein Mann könnte ohne intensives Muskeltraining den Körper eines Pornodarstellers erreichen und auch die Körper der Pornodarstellerinnen wären ohne Silikon nicht denkbar. Körperideale in Pornos entsprechen also in keiner Form den realen Gegebenheiten.

Aus diesen Gründen wäre es wichtig, dass auch im Porno häufiger über eigene Bedürfnisse und Wünsche gesprochen wird und diverse Köper gezeigt werden, um so ein facettenreiches Bild von Sex zu schaffen. Denn im Moment fehlt es im Porno wie auch im Alltag an Kommunikation, die notwendig wäre, um allen Partner*innen ein gutes Gefühl zu geben. Genauso wie es bessere und weniger gute Filme in jedem Genre gibt, finden sich natürlich auch Pornos, die ein realistisches Bild von Sexualität vermitteln und nicht dem entsprechen, was hier beschrieben wird. Es ist normal, dass manche Menschen pornografisches Material erregend finden und es verwenden, um sich sexuell zu stimulieren. Dabei ist es jedoch wichtig, dass wir das dort Gezeigte nicht als einziges Vorbild für unser eigenes Sexleben wahrnehmen. Warum liegt hier überhaupt Stroh rum? 

Kamera läuft & Action!

Die Handlung im Mainstreamporno ist im Drehbuch vorgegeben und läuft oft so ab: Intro – Vorspiel – Oralsex – verschiedene Sexstellungen – Analsex – der Mann ejakuliert auf die Frau. Dabei scheint alles reibungslos zu funktionieren, weil die Szenen einzeln gefilmt und danach zusammengeschnitten werden. Pornos lassen uns glauben, dass die ganze Welt immer Analsex hat und, dass alle Frauen Sperma auf ihrem Körper lieben. Das ist falsch! Sperma ist im Porno so gut sichtbar, um zu zeigen, dass der Mann gerade einen Orgasmus hatte. Dabei wird oft künstliches Sperma verwendet. Nicht alles, was im Porno gemacht wird, muss im echten Leben ausprobiert werden. Es gibt kein Drehbuch und keinen*keine Regisseur*in. Ihr alleine entscheidet, worauf ihr Lust habt und wozu ihr euch bereit fühlt. Es gibt nicht die eine richtige Art Sex zu haben. Am wichtigsten ist, dass beide Spaß haben und alles nur mit Consent geschieht. Der Ablauf beim Sex muss nicht „perfekt“ sein. Unterbrechungen sind möglich und sogar sinnvoll, zum Beispiel um Wasser zu trinken oder auf die Toilette zu gehen. Das ist für Frauen besonders nach der Penetration sehr wichtig, um Bakterien, die beim Sex in die Harnröhre gelangt sein könnten, herauszuspülen und einer Blasenentzündung vorzubeugen. 

In der Pornografie verwendet man künstliches Sperma, so wie in Spielfilmen Kunstblut eingesetzt wird.

Konsent

Die aktive Zustimmung aller Beteiligten vor dem Sex einzuholen und darüber zu sprechen, was man mag und was nicht, kommt im Porno nicht vor. Das englische Wort consent bedeutet so viel wie Einvernehmlichkeit oder Zustimmung. Das ist beim Sex sehr wichtig. Vor jeder sexuellen Handlung (Küssen,  Anfassen, …) muss immer die aktive Zustimmung der anderen Person eingeholt werden. Es ist wichtig, abzuklären, was man will und was nicht und zwar nicht nur einmal am Anfang, sondern auch währenddessen immer wieder.

Kommunikation

Pornos sind nicht gerade für ihre oscarreifen Handlungen und Dialoge bekannt – echte Gespräche finden im Mainstreamporno kaum statt. Das ist schade, denn tatsächlich ist Kommunikation beim Sex total wichtig, um Zustimmung einzuholen, aber auch, um zu kommunizieren, was man beim Sex gerne mag. Vor, während und nach dem Sex miteinander zu reden macht Spaß und trägt dazu bei, dass man besseren Sex hat.

Lust

Pornos sind darauf ausgerichtet vor allem die männliche Lust zu befriedigen. Alle Beteiligten haben immer Lust auf Sex und der Orgasmus des Mannes ist dabei sehr wichtig. Die Lust einer Frau wird im Film durch übertriebenes Stöhnen dargestellt. Echte Menschen sind keine Sexmaschinen. Egal welches Geschlecht – es ist OK, keine Lust auf Sex zu haben! Unsere Lust ist von vielen Faktoren abhängig, wie Stimmung, Partner*in, Zyklus usw. Beim Sex geht es nicht um die Befriedigung einer Person, denn beide sind gleichwertig und gleich wichtig. Der Orgasmus kann ein besonders intensiver Teil sein, es gibt aber auch schönen und intimen Sex ohne Orgasmus.

Menschen und ihre Körper

Die Menschen in Pornos sind Schauspieler*innen. Ihr Verhalten ist vom Drehbuch vorgegeben. Sie werden oft nach äußerlichen und oberflächlichen Kriterien ausgewählt und für den Film in Kategorien (zum Beispiel „große Brüste“) eingeteilt. Männer in Pornos sind oft sehr muskulös und haben einen überdurchschnittlich großen Penis. Frauen haben oft eine unbehaarte Vulva mit kleinen inneren Vulvalippen. Im echten Leben fndet man einen Menschen nicht nur wegen einem einzelnen Merkmal attraktiv. Menschen sind divers und lassen sich nicht auf  Kategorien reduzieren. Ihre Körper sind vielfältig und individuell. Nicht nur eine Art von Vulva oder Penis ist schön. Ein ausgewachsener Penis misst im erigierten Zustand durchschnittlich zwischen zwölf und fünfzehn Zentimeter – die Penisgröße hat aber nichts mit der Qualität von Sex zu tun! Auch Vulven sind sehr verschieden: die äußeren und inneren Vulvalippen können kleiner oder größer, die Klitorisspitze durch Vorhaut verdeckt oder freiliegend sein. Ob man Haare am Körper entfernen will oder nicht, ist eine individuelle Entscheidung, die jeder Mensch nur für sich alleine trefen kann. Es ist auch normal, dass eine Erektion nicht stundenlang aufrecht bleibt oder die Vagina nicht sofort feucht wird. 

Nein

Im Porno kann es vorkommen, dass das Nein einer anderen Person ignoriert wird. Das ist als Teil der Handlung des Filmes im Drehbuch festgelegt. Manchmal wird im Porno gezeigt, dass ein Mensch, der Nein gesagt hat, doch noch zum Sex überredet wird. In der Realität ist das ein absolutes No-Go. Das Nein einer Person muss immer akzeptiert werden. Gegen den Willen einer Person beim Sex zu handeln, hat nämlich gar nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit sexueller Gewalt. Manchen Menschen fällt es schwer „Nein“ zu sagen, daher ist es wichtig auch auf andere Formen der Ablehnung (zum Beispiel Hand wegdrücken) sofort zu reagieren. Alles, was kein eindeutiges Ja ist, ist im Zweifelsfall ein Nein, zum Beispiel auch „Hör auf, jetzt nicht“, „vielleicht später“, etc. 

Penis + Vagina = Sex?

Sex wird im Porno folgendermaßen defniert: Es gibt einen Penis, der in eine Vagina eindringt und nur das ist Sex.  Alles was davor passiert, ist „nur“ das Vorspiel. Meistens haben eine Frau und ein Mann im Porno Sex. Der Mann gilt dabei als aktiv, weil er einen Penis zur Penetration hat und die Frau ist dadurch passiv, weil sie penetriert wird. Wenn wir die Formel „Penis + Vagina = Sex“ im echten Leben anwenden würden, dann könnten Frauen mit Frauen und Männer mit Männern gar keinen Sex haben – nur heterosexuelle Paare. Tatsächlich braucht man weder Penis noch Vagina, um Sex zu haben. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass es so etwas wie ein Vorspiel gibt, auf das dann immer der „echte“ Sex folgt. Oft bleibt es beim gegenseitigen Berühren und Küssen – auch das kann schon sehr viel Lust bereiten. Der Glaube, dass Frauen beim Sex passiv sind kommt auch daher, dass wir Sex mit Penetration gleichsetzen. 

Fun Fact: Es gibt sogar ein Wort dafür, das beschreibt, was eine Vagina mit dem Penis während dem Sex macht: Circlusion. Das bedeutet soviel wie „aktiv umschließen“. 

Hinter den Kulissen eines Pornos

Beim Pornodreh ist einiges los, wovon im Endprodukt nichts mehr zu sehen ist. Neben den Darstellenden sind viele andere Menschen am Set anwesend: Produzent*innen, Regisseur*innen, Kamerapersonen und so weiter – es gibt sogar eine Person, die nur dafür zuständig ist, die Erektion der Darsteller*innen aufrechtzuerhalten. Auch sonst ist vieles im Porno künstlich, zum Beispiel das Sperma oder andere sichtbare Körperflüssigkeiten. Licht wird durch grelle Scheinwerfer erzeugt und gleich mehrere Kameras filmen die Personen beim Sex. Verglichen mit diesem Aufwand, fällt das Setting bei echtem Sex wesentlich bescheidener aus: meistens sind nur die Personen, die Sex haben, anwesend. Sex-Toys oder Gleitgel werden auch verwendet. Sie sind kein Zeichen dafür, dass etwas nicht funktioniert, sondern gestalten den Sex für viele Menschen noch lustvoller. 

Sexstellungen

Die akrobatischen Sexstellungen in Pornos haben mehr mit Gymnastik zu tun, als mit echtem Sex. Sie werden so ausgewählt, dass möglichst viel von den Geschlechtsteilen zu sehen ist. Da die meisten Mainstreampornos für heterosexuelle Männer gemacht sind, wird dabei oft die Perspektive des Mannes eingenommen. Im echten Leben kann es Spaß machen Sexstellungen gemeinsam auszuprobieren. Gerade beim ersten Mal macht es allerdings Sinn eine einfache Stellung zu wählen, bei der man einander in die Augen sieht und dadurch immer im Blick hat, wie es der anderen Person gerade geht. Stellungen unterscheiden sich auch darin, wie sehr die Klitoris (der Teil der Vulva, der besonders empfindlich ist) stimuliert wird, durch eine*n selbst, durch den*die Partner*in oder durch ein Sex-Toy. 

Stöhnen

Die Art und Weise wie besonders Frauen in Pornos bei jeder kleinsten Berührung laut aufstöhnen, ist stark übertrieben. Damit soll gezeigt werden, dass eine Person gerade viel Lust verspürt. Es kann schon passieren, dass wir beim Sex Geräusche machen, wenn wir etwas sehr angenehm fnden. Manche Menschen sind daher beim Sex sehr laut – und andere gar nicht. Beim Empfnden von Lust muss also nicht zwingend gestöhnt werden. 

Und was ist mit Verhütung?

Im Porno geht es gleich zur Sache, ohne dass über Verhütung gesprochen wird. Männer tragen meistens keine Kondome. Die Frage nach einem passenden Verhütungsmittel ist wichtig und sollte vor dem Sex gemeinsam mit deinem*deiner Partner*in geklärt werden. Denn Verhütung geht alle etwas an! Hormonelle Verhütungsmittel (zum Beispiel die Pille) können eine Schwangerschaft verhindern, aber nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Das Kondom ist – wenn es richtig angewendet wird – ein sicheres Verhütungsmittel, das dich vor einer ungewollten Schwangerschaft, aber auch vor Krankheiten schützen kann. Krankheitserreger können auch beim Oralsex oder über die Finger übertragen werden. Ein großes, flexibles Latextuch, das beim Lecken auf die Vulva gelegt werden kann (Lecktuch) und spezielle Handschuhe ermöglichen Schutz beim Oralsex und beim „Fingern“.

Fotos von Aliya Nurgaliyeva @nur.aaaliya | Models: Theresa Gmachl, Hyeji Nam

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