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Es kriselt im Paradies

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Die Marshallinseln werden Ende des 19. Jahrhunderts kolonialisiert, nach dem 2. Weltkrieg werden Atomwaffentests in diesem Gebiet durchgeführt und heute sind die Pazifikinseln direkt und stark von den Folgen des Klimawandels betroffen.

Am Strand von Jaluit stehen Palmen, der Sand ist weiß, das Wasser ist blauer als die Farbe selbst. Es wirkt friedlich, ruhig, paradiesisch und scheint wie der perfekte Ort, um einen entspannten Urlaub zu verbringen. Doch der Schein trügt: Jaluit ist eine der größten Inseln der Marshallinseln. Und die Marshallinseln, eine Inselgruppe im Pazifik, ungefähr bei Papua-Neuguinea und gleichzeitig einer der kleinsten Staaten der Welt, befinden sich in einer Katastrophe. Eine Katastrophe, von der sie zwar nicht allein betroffen sind, aber eine Katastrophe, von der sie die Ausmaße unmittelbar zu spüren bekommen und nichts dagegen tun können. Es geht um die Klimakrise.

Klimaungerechtigkeit für die Marshallinseln

Die Marshallinseln machen als Nation gerade mal 0,0003% der jährlich ausgestoßenen CO2 Emission im weltweiten Vergleich aus. Menschen in den USA haben einen 10-mal höheren ökologischen Fußabdruck als die Einwohner*innen der Marshallinseln1. Dennoch müssen sich momentan vor allem diese Menschen mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen: Die Temperaturen und der Meeresspiegel steigen an – dies ist besonders dramatisch, wenn man bedenkt, dass die höchste Erhebung der Marshallinseln sich gerade mal 10 Meter über dem Meeresspiegel befindet. Wenn es so weitergeht, werden die Inseln bald verschwinden.

Dabei versuchen die Marshaller*innen durch die Reduzierung von Autofahren oder der sparsamen Nutzung von Klimaanlagen die Sache in den Griff zu bekommen. Fatal daran ist: Sie haben keine Chance, solange die westlichen Industrienationen so weiter machen wie bisher.

Die Klimakrise ist gleichzeitig eine Ungerechtigkeitskrise, welche auf den Rücken der kleinsten und ärmsten Nationen passiert. Wer sich gegen den Klimawandel einsetzt, setzt sich gleichzeitig gegen die weltweite Ungerechtigkeit ein.

Bomben auf Bikini

Doch die Klimakrise ist nicht die erste Katastrophe, welche sich durch die Geschichte der Marshallinseln zieht.

Am 01. Juli 1946 beginnen Atomwaffentests unter dem Namen Operation Crossroads² in der Lagune Bikini, welche ebenfalls zu den Marshallinseln gehört. Das Ergebnis fällt bescheiden aus – die Bombe versenkt nur 5 der zahlreich aufgestellten Kriegsschiffe, also wird sie weiter perfektioniert. Es folgen 22 weitere Experimente mit Atom- und Wasserstoffbomben in diesem Gebiet.

Eine internationale Delegation an Wissenschaftler*innen untersucht die direkten Folgen anhand von Versuchstieren. Doch auch die vielfältige Flora und Fauna des Pazifiks und die der Inseln einschließlich ihrer Einwohner*innen dienen zwangsweise als Testobjekte.

Am 1. März 1954 detoniert beispielsweise die Bombe Bravo im Bikini Atoll, welche die Korallen bis zu 30 km hoch schleudert. Nicht alle Menschen auf den Inseln oder Fischer*innen auf See können rechtzeitig evakuiert werden. Nach der Zündung einer Atombombe kommt es zusätzlich zu radioaktivem Niederschlag, welcher auch Fallout genannt wird. Kinder auf den Inseln spielen in dem herabfallenden Staub, welcher an Schnee erinnern mag und reiben sich damit ein: sie können nicht ahnen, welche Gefahr er für sie bedeutet. Erst im Jahr 1957 werden die Tests eingestellt.

Die Langzeitfolgen

Forscher*innen untersuchen die Folgen und kommen zu einem erschreckenden Ergebnis: die Vegetation auf den Marshallinseln hat sich dramatisch verändert, Teile der Inseln werden als unbewohnbar erklärt. Zu hoch ist die gemessene Strahlung.

Am 1. Mai 1974 dürfen die ersten Vertriebenen wieder zurück auf die Insel, doch nur wenige Monate später müssen manche dieser Menschen ihre Heimat erneut verlassen. Die ungenügenden Vorsichtsmaßnahmen sorgen für ein großes Hin und Her. Die Marshaller*innen werden häufig nicht ausreichend aufgeklärt, verstehen nicht, warum sie ihre heimischen Früchte nicht mehr essen dürfen und müssen sich lebenslang ärztlichen Tests unterziehen. Manche Langzeitfolgen zeigen sich erst zu spät: Viele Marshaller*innen sterben an der neuartigen Krankheit namens Leukämie.

Atomwaffen gelten zu dieser Zeit als neue aber vor allem so vernichtende Waffen, welche den Kalten Krieg³ im 20. Jahrhundert bei einem kalten Krieg beließen. Trotzdem gibt es Verlierer*innen durch diesen Krieg und Todesopfer durch diese Waffen. Es ist tragisch, dass diese Opfer nicht mal aktiv an dem Konflikt beteiligt waren.

Was deine Badebekleidung damit zu tun hat

Die Badebekleidung Bikini ist nach diesen Atomwaffentests benannt. Der Modedesigner Louis Réard wählt für sein neues Produkt, welches er am 5. Juli 1946 erstmal der Öffentlichkeit präsentiert, den Namen der Lagune und verfolgt damit eine kluge Marketingstrategie. Der Bikini stellt damals eine komplett neue Kleiderordnung dar und soll genau wie die Bomben auf Bikini “einschlagen‘‘. Mit den Atomwaffentests wird zu dieser Zeit noch Fortschritt und Innovation assoziiert. Diese Verknüpfung soll sich nun auf die neue Bademode übertragen.

Wo die Krisen ihren Ursprung finden

Der Ursprung der ungerechten Behandlung kann gut datiert werden: Mitte des 19. Jahrhundert besuchen Entdecker*innen, Händler*innen und Missionar*innen aus der westlichen Welt die Insel und verändern sie – die Kultur der Marshaller*innen wird verdrängt, die christliche Religion wird ihnen aufgezwungen und die Eingeborenen übernehmen Stück für Stück die westliche Lebensweise. 1885 werden die Marshallinseln durch das Deutsche Reich kolonialisiert.

Bedauerlicherweise gibt es sehr wenige Selbstzeugnisse oder andere Quellen aus der Zeit davor, da die Marshaller*innen keine Schrift nutzten. Durch die Kolonialisierung, welche durch den Imperialismus der europäischen Länder geschieht, verändert sich dies. Allerdings erfahren wir mehr aus fremder Feder als aus der, der Eingeborenen.

Somit ist die Geschichte der Marshallinseln schwer aus der Sicht der Marshaller*innen zu erzählen. Dies verhärtet sich im Verlauf der Zeit, da zu viele Krisen auf ihren Rücken passieren und zu viele global Player die Inseln für ihre eigenen Interessen ausnutzen. Zu viel Ungerechtigkeit haben sie schon erfahren und tun es durch die Folgen der Klimakrise immer noch. Dieser kleine Staat zeigt eindrucksvoll, wie weitreichend die Folgen unseres Handelns sein können.

[1] Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2008, dürften heute aber nicht sonderlich anders ausschauen.

[2] Dieser Name soll symbolisieren, dass sich die Menschheit an einem Scheideweg zwischen endgültigen Krieg oder endgültigen Frieden befindet.

[3] Offiziell wurde dieser Krieg nie erklärt, sondern geschah ausschließlich über die bloßen Androhungen zwischen dem West- und Ostblock. Daher der Name ,,Kalter Krieg‘‘. 

Quellen:

Rudiak-Gould, Peter: Climate Change and Accusation: Global Warming and Local Blame in a Small Island State. In: Current Anthropology 55,4/2014, S. 365–386.

Kramer, Fritz et al.: Bikini oder Die Bombardierung der Engel. Auch eine Ethnographie. Frankfurt am Main: Syndikat 1981. AUSZUG: Exodus und Exil, S. 46–75, Schädigung und Protest, S. 76–85.

Illustration von Zoe Leonie Guggenbichler

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